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„Makerspace“ macht Mut

Ein älterer Herr spielt fasziniert auf Bananen Klavier, eine Frau hat ein blinkendes und Smileys abbildendes selbst gebasteltes Schmuckstück um den Hals baumeln und in einem 3-D-Drucker entsteht das Mini-Konterfei eines anderen Besuchers: Die Szenerie im Lesesaal des Deutsch-Amerikanischen Instituts (DAI) scheint wie aus einem Science-Fiction-Film entnommen. „Makerspace“ heißt das neueste Projekt der Kultureinrichtung in der Sofienstraße, das Staunen lässt – vor allem aber zum Mitmachen einlädt. Ein Geschenk der US-Botschaft in Berlin gab den Anstoß: „Wir bekamen einen 3-D-Drucker, mit dem wir erst so gar nichts anfangen konnten“, so DAI-Chef Jakob Köllhofer.

In den USA weit verbreitet

Ob Spontan-Reimen bei den erfolgreichen Poetry Slams oder Schreibwerkstatt („Writers Room“) für angehende Serien-Drehbuchautoren: Das DAI ist nicht um Ideen verlegen, wenn es darum geht, lebendige und junge Kulturformen anzubieten. Der „Makerspace“ – in den USA inzwischen eine verbreitete Institution – ist für den „Hausherrn“ Köllhofer die Chance, der Bibliothek neues Leben einzuhauchen. „Die Leute wollen nicht mehr still zuhören, sie möchten mitmachen“, weiß er: „So sehr wir das Lesen und das Blättern in Büchern schätzen – sie sind nicht mehr das Medium der jungen Leute.“ Jetzt wird in der Bücherei gebastelt und getüftelt – und vor allem, „zeitgemäß Enthusiasmus“ entwickelt: „Wir wollen weiter ein Begeisterer-Haus sein“, sagt Köllhofer schmunzelnd.

MAKERSPACE

„Makerspace“ lässt sich mit „Raum für Macher“ übersetzen und meint, dass hier die Möglichkeit besteht, Technik auszuprobieren, zu tüfteln und mit anderen Neugierigen Problemlösungen zu bearbeiten.

Dafür stehen unter anderem 3-D-Drucker, Video- und Computertechnik und sogar ein Bodyscanner zur Verfügung. In der Einführungsphase ist die Nutzung kostenlos; bei der Verwendung der 3-D-Drucker ist eine Spende erwünscht.

In den USA gibt es quasi in jeder Stadt einen Makerspace. In Mannheim bietet die Stadtbibliothek dieses Angebot.

Im DAI gibt es den Makerspace jeden ersten Mittwoch im Monat ab 19 Uhr. Der nächste Termin ist der 5. August.

Die gebürtige Irin Niamh Geier ist Chefin dieser ganz neuen Bibliothek. Über 1000 Menschen seien zum ersten „Makerspace“-Termin gekommen, erzählt sie mit strahlenden Augen. Bisher waren es vor allem „gut gebildete Menschen über 20“. Aber am schönsten werde es im „Werkraum“, wenn wirklich ganz unterschiedliche Menschen kämen und gemeinsam Dinge erarbeiten. Auch mehr Frauen – denn die vermeintlich sehr technische Ausrichtung zieht im Moment besonders viele Männer an. Frank André ist einer dieser „Macher“. Stolz zeigt er seine Entwicklung namens „Hacklace“: eine kleine Platte, auf die Platinen und Leuchtdioden gelötet werden. „Ein elektronisches Schmuckstück“, sagt er, während das Stück auf seiner Brust einen gelben Smiley und kurz darauf ein Mini-Feuerwerk zeigt. Platinen statt Silber oder Gold?

Aus den ersten Treffen ist bereits ein sehr sinnvolles Projekt entstanden: Michael Schäffler, Tobias Wolfsteiner und Erich Rüdiger arbeiten an der Staatlichen Blindenschule in Ilvesheim. Dort gibt es einen riesigen Bedarf an Modellen, „zum Anfassen und Begreifen“, erzählt Schäffler. Da immer mehr Schüler auch an allgemeinen Schulen unterrichtet werden, fehlt es an Know-how und passenden Programmen, um die Modelle überall in 3-D-Druck zu erstellen. Mit ihrer Plattform (3ddruck.augenbit.de) wollen sie die Lücke schließen – und fanden im Makerspace am DAI Unterstützer.

Projekt für Blindenschule

Ciaran Behan, Direktor einer Wissenstransfer-Firma namens Course-Resource, half beim Ausarbeiten einer Lösung. Außerdem stiftete er vier Bausätze für 3-D-Drucker, um das Programm zu entwickeln. Und dann kamen vier Bewohner der Flüchtlingsunterkunft in den Patton Barracks ins Spiel: Cherno Bubacarr, Abdoulie Mannah, Sulaymay Bah und Musa Keith tüftelten fünf Tage im Keller des DAI – dann hatten sie aus Bausätzen vier 3-D-Drucker fertig, die nun in dem Projekt mit der Ilvesheimer Blindenschule nützlich sind und außerdem dabei helfen sollen, sie mit anderen Schulen zu vernetzen.

„Wahnsinnig Spaß gemacht“ habe das, sagen die vier in den Patton Barracks untergebrachten Flüchtlinge gut gelaunt. Und „Teamchef“ Behan ergänzt, für ihn sei der wichtigste Aspekt der, die Jugendlichen aus Gambia zu ermutigen, Dinge zu realisieren und ihre Fähigkeiten einzubringen. So hat der Makerspace auch eine soziale Komponente bekommen – ganz greifbar, und weit von Science Fiction entfernt.

© Mannheimer Morgen, Montag, 13.07.2015

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